/ DIARY /

Usha Devi, die Grande Dame des Iyengar Yoga.

Seit einer Woche gehe ich nun schon zu Usha Devi, der Grande Dame des Iyengar Yoga.
Ich würde sie mal so Anfang 60 schätzen. Sie stammt ursprünglich aus der deutschsprachigen Schweiz und ist – man kann durchaus sagen – berühmt hier in Rishikesh. So berühmt und beliebt, dass man sich sonntagmorgens um halb acht in eine lange Schlange stellen muss, um sich für die Klassen der darauffolgenden Woche zu akkreditieren. Nur wer einen Platz auf der Liste ergattert, darf auf einer der ausgelatschten Yogamatten in ihrem Shala Platz nehmen. Erstmals hatte ich bei meinem letzten Besuch in Rishikesh von ihr gehört. Und da auch dieses Mal wieder alles und jeder von ihr spricht, wollte ich mir zumindest nicht vorwerfen, ich hätte es nicht versucht. Ich bin nämlich eigentlich nicht so der Iyengar Fan. Blocks, Gürtel sogar Stühle werden hier zu Yogahilfmittel umfunktionert. Von Yoga Flow kann daher keine Rede sein, weil man ja auch ständig “Probs” unter Schulter- oder Hüftgelenke schieben, den Körper über Stühle hängen oder Gürtel um Oberschenkel binden muss. Daher wird beim Iyengar eine Asana an die andere gereiht, ohne fließende Übergänge, ohne Vinyasas und als wäre das nicht genug, werden die Asanas dann auch noch stuuuundenlang gehalten. Ganz abgesehen davon, dass ein Großteil dieser Iyengar-Yogis immer so komische, kurze Hosen mit Bündchen tragen die mich sehr stark an bunte Pampers erinnern. Ja, ich muss zugeben, als frischgebackener Ashtangi mit stolzgeschwellter Brust, bin ich nicht ganz vorurteilsfrei, aber auch nicht weniger neugierig an die Sache rangegangen.

Und nun sitze ich also seit vergangenen Montag jeden Abend im Shala, Matte an Matte mit ca 60 anderen Yogis. Ein heller Raum mit großen Fenstern. Alles so sauber, so aufgeräumt – leise Unterhaltungen hier und da bis Usha den Raum betritt. Noch bevor sie wirklich durch die Tür getreten ist, hat sie den ersten Studenten auch schon zum Bad geschickt – zum Füße waschen. Ein anderer bekommt eine Abmahnung wegen seiner langen Schlabberhose. Schmutzige Füße, Schlabberhosen, Schlabbershirts, kraftlose Gliedmaßen “ohne Leben”, das kommt ihr nicht ins Haus. Und nachdem sie es innerhalb kürzester Zeit geschafft hat, durch Herumrücken der Matten, nochmals Platz für weitere Schüler zu schaffen, die draußen vor der Tür warten, bringt sie uns mit wenigen, klaren Anweisungen und starkem, deutschen Akzent in Position, um die Klasse zu beginnen. Schneidersitz, gerader Rücken, flacher Bauch, Kinn parallel zum Boden, Blick geradeaus und wehe, du schaust nochmal um dich. Die Hände neben den Hüften mit leichtem Druck in den Boden. Die Schultern nach hinten gerollt.. Schon nach kurzer Zeit habe ich mich auch schon von meiner stolz geschwellten Ashtangi Brust verabschiedet und hoffe inständig, dass ich es irgendwie hinbekomme, zumindest richtig zu sitzen.

Usha Devi ist nicht gerade bekannt für ihre sanfte Art. Sie weiß, was es bedeutet, hart zu arbeiten. Sie hat zwei sehr schwere Autounfälle hinter sich, bei denen sie beinahe ihre Beine verloren hat. In der Hoffnung, wieder normal laufen zu können, hat sie jahrelang mit keinem Geringeren als B.K.S. Iyengar, dem Begründer des Iyengar Yoga, trainiert und auch bei ihm studiert. Sie selbst sagt, ohne ihn, ohne Iyengar, hätte sie kaum Chancen auf ein Leben auf zwei funktionierenden Beinen gehabt. Man sieht ihr die Verletzungen noch an. Tiefe Narben an den Beinen, außerdem humpelt sie leicht. Doch wer auch nur eine Stunde von ihr besucht hat, weiß sofort, diese Frau steckt uns alle in die Tasche. Wir bewegen nicht nur Knochen, Gelenke oder kontrahieren unsere Muskulatur. Usha bringt uns allein durch verbale Instruktionen dazu, in jeder Asana jede Faser unseres Körpers zu integrieren. Und dabei hat kein Muskel, kein Gelenk, kein Zeh nicht einmal die Haut Pause. Denn auch die gilt es nach oben innen oder nach unten vorne zu ziehen. Und seit neuestem weiß ich auch, dass es eine Außen- und eine Innenseite des großen Zehs gibt, die es parallel nach oben zu ziehen gilt, wenn man auf einem Bein balanciert. Auf diese Weise schafft es Usha sogar, uns in der Kindshaltung zum Schwitzen zu bringen.

Zum Glück bin ich nicht die Einzige, die das alles nicht auf Anhieb umsetzen kann. Gestandene Männer mit vor Anstrengung zitternden Beinen bekommen da auch gerne mal einen kleinen Klaps auf den Hintern oder die Oberschenkel. Je nach dem, welche Körperregion gerade nicht das tut, was angesagt wurde. Ich habe erst vor paar Tagen einen auf den Hinterkopf kassiert. Das passiert schon mal, wenn man in die falsche Richtung schaut…puuhh, ein bisschen geschockt war ich schon. Mein Ego lasse ich eigentlich schon immer gleich zu Hause. Und spätestens jetzt fragt ihr euch wahrscheinlich, warum ich mir das alles antue…So herzlos und schroff sich das wahrscheinlich alles anhört – aber man muss diese Frau irgendwie mögen. “Hart aber herzlich” – das trifft es wahrscheinlich ganz gut. Usha gibt alles in ihren Klassen und ist Yogalehrerin mit ganzer Seele. Während andere Lehrer hier jede Saison die Preise erhöhen, bietet Usha freie Theorieklassen und Selfpractice am Morgen an. Sie möchte uns etwas beibringen und das klappt offensichtlich auch ganz gut. Schon nach einer Woche gehe ich um einiges bewusster in die Asanas, fordere die Muskulatur um die Kniegelenke mehr, während das Knie weniger beansprucht wird. “Magic” irgendwie…und gar nicht so schwer, wenn man mit voller Konzentration an die Sache ran geht.

Vielleicht habt ihr ja mal irgendwann die Gelegenheit, nach Rishikesh zu kommen. Schaut sie euch an, erlebt sie hautnah und ihr wisst, was ich meine. Und wenn ihr vorab ein bisschen mehr über sie erfahren wollt, unter dem Link findet ihr ihre spannende Geschichte.

Share Button
Steffi Sarges

PR Beraterin & Yogalehrerin Ihr Lebensmotto “Don´t forget to play” kam bei all der Arbeit in den letzten Jahren etwas zu kurz. Darum hat sich Stefanie für 2014 dazu entschieden, wieder mit dem "Spielen" zu beginnen, tief durchzuatmen und das Jahr ihrer größten Leidenschaft zu widmen - dem Yoga. Während ihrer Reise durch Indien wird sie eine zweite Ausbildung machen, um sich danach vom roten Yogafaden leiten zu lassen - durch das Land und zu sich selbst. Von ihren Erfahrungen wird sie hier regelmäßig berichten.

F: Stefanie.Sarges W: instagram.com/stevexs

Kommentar schreiben

E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*