/ DIARY /

Was man lernt, wenn IST nicht macht, was es SOLL.

Ständig haben wir genaueste Vorstellungen im Kopf, wann wir müde und wann topfit sein sollen, wann kreativ, wann reflektiert, wann kommunikativ und wann eher zurückgenommen. Und wie häufig ist die Enttäuschung groß, wenn es Körper und Geist doch tatsächlich bis heute nicht geschafft haben, immer dann stramm zu stehen und eben jene bevorzugten Eigenschaften aufzurufen, wenn wir es für richtig halten – verrückt. Letzte Woche ist mir das mal wieder so richtig bewusst geworden. Jeder, der mich etwas besser kennt, weiß, dass ich lieber noch früh morgens im Dunkeln eine Runde laufe, Schwimme oder eben Yoga übe, als dass ich mich am Ende eines vollen Tages gar nicht bewegt habe. Ich genieße das und erwarte es auch von mir, beim Yoga tief in die Asanas zu gehen, meinen Körper zu fordern, zu spüren und mich bestenfalls dadurch auch immer weiter zu entwickeln. Doch letzte Woche hatte mein SOLL- und mein IST-Zustand eine große Beziehungskrise. Ich hatte keine Lust, morgens um 5.30 Uhr aufzustehen, um rechtzeitig zur Mysore Class bei Universal Yoga in Mcleod Ganj zu sein. Ich hatte keine Lust auf die Ashtanga Primary Series – seit nun schon fast drei Monaten immer dasselbe. Mein Kopf produzierte kein “Yeah, lets do it”, sondern vielmehr ein lang gezogenes “Laaaaaaaaangweilig”. Hinzu kommt, ich war nicht nur lustlos, ich war auch gefühlt 10 Tonnen schwer, steif wie ein Brett und von Gleichgewicht konnte nicht die Rede sein. Ich schwankte also bei jeder Stand-Asana hin und her, als sei ich betrunken (Hätte ich wohl besser mal einen Gehoben, vielleicht wäre es dann besser gegangen). Meine Übergänge von Asana zu Asana, bei denen ich in meiner Vorstellung leicht wie eine Feder vom herabschauenden Hund in den Sitz “schwebe”, brachten mich durch einen weniger eleganten Plumps auf den Hintern geräuschvoll wieder auf den Boden der Tatsachen. Kurzum, es hatte sich Sinnlosigkeit in meinem Tun breit gemacht und ich dachte die Tage schon nach den ersten drei Sonnengrüßen an Savasana oder spielte mit dem Gedanken, einfach mittendrin zu gehen. Da das ja aber natürlich indiskutabel ist, spulte ich weiter trotzig und irgendwie wütend die gesamte Sequenz herunter – eineinhalb Stunden Kampf – IST gegen SOLL – ausgetragen auf meiner unschuldigen Yogamatte. Doch ich bin ja nicht umsonst an einem Ort wie Dharamsala und habe 10 Tage in einem Meditationsretreat verbracht, um nicht dann doch irgendwann “zu kapitulieren” oder mit anderen Worten, mal hinzuhören, was ich mir selbst zu erzählen hatte. Zunächst widerwillig praktizierte ich also “Mindfulness”, ich bin nicht morgens zu Vijay gestiefelt, weil ich meinte das müsste so, sondern habe stattdessen, Musik angemacht und begonnen mich fernab von festgelegten Sequenzen meiner ganz eigenen, heiß geliebten Vinyasa Flow Praxis zu widmen. Musik an, Kopf aus – mal dynamisch-kreativer Flow – mal Halten der Asanas – je nachdem, was sich für mich und die Musik gerade gut angefühlt hat. An manchen Tagen habe ich auch einfach gar kein intensives Yoga praktiziert und bin stattdessen drei Stunden nach Triund hoch auf den Berg gekraxelt. Sogar auf seichtes Yin Yoga habe ich mich eingelassen und gespürt, wie sich Verspannungen, Muskeltightness, sogar leichte Verstimmungen wie von selbst auflösten.

Und irgendwann bin ich natürlich auch wieder bei Vijay auf der Matte gelandet. Und siehe da, es macht wieder Spaß und ich war sogar bereit, in verschiedenen Asanas noch einen Schritt weiter zu gehen. Und was lerne ich von dieser Mär?…das Wichtigste voran: Ich bin mir eines großen Fragezeichens bewusst geworden, dass sich in letzter Zeit in meinem Kopf breit gemacht hat – und ich kann mir gut vorstellen, dass ich nicht die erste Yogalehrein bin, die sich irgendwann fragt, wo sie denn jetzt eigentlich in der Yogawelt hingehört?! Ich für meinen Teil habe für jetzt zumindest erkannt – ich bin kein Vollblut-Ashtangi und möchte auch gerade gar keiner sein – finde ich doch „mein“ Yoga in der Vielfalt verschiedener Yogastile. Es ist super, sich fast schon militärisch mit der Ashtanga-Sequenz zu fordern. Genauso gehe ich aber auch darin auf, mich mit Musik und Kreativität über die Matte zu bewegen. Ebenso großartig war es, bei der Grande Dame des Iyengar Yoga – Usha Devi – in Rishikesh so lange den herabschauenden Hund oder einfach nur die Childpose KORREKT zu halten, bis mir der Schweiß die Beine heruntergelaufen ist. Ich möchte mich nicht für eine Richtung entscheiden und am Ende werden diese wunderbaren Einflüsse doch ohnehin alle unter dem Dach des Yoga zusammengefasst. Alles ist Eins – das sagt auch der Dalai Lama – Oder wie seht ihr das? Gerade die Ashtangis sind da ja relativ strikt – dabei bringt in meinen Augen jede neue Erfahrung nur wieder neue Würze in den Unterricht, der doch eigentlich am meisten vom Charakter des Lehrers, seinen Erfahrungen, seiner Art das Leben zu sehen und es zu leben basiert. Irgendwie hat es gut getan, diese Frage für mich auf diese Weise zu beantworten und ich habe das Gefühl, mich nun auf meiner Reise mit einem ganz anderem Bewusstsein durch die vielfältige Welt des Yoga zu bewegen – stets darauf bedacht, den Weg der Balance zu gehen, da sich der für mich richtig anfühlt.

Steffi Sarges

PR Beraterin & Yogalehrerin Ihr Lebensmotto “Don´t forget to play” kam bei all der Arbeit in den letzten Jahren etwas zu kurz. Darum hat sich Stefanie für 2014 dazu entschieden, wieder mit dem "Spielen" zu beginnen, tief durchzuatmen und das Jahr ihrer größten Leidenschaft zu widmen - dem Yoga. Während ihrer Reise durch Indien wird sie eine zweite Ausbildung machen, um sich danach vom roten Yogafaden leiten zu lassen - durch das Land und zu sich selbst. Von ihren Erfahrungen wird sie hier regelmäßig berichten.

F: Stefanie.Sarges W: instagram.com/stevexs

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