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Saira Hunjan – das Mädchen mit der goldenen Nadel.

Saira Hunjan – das Mädchen mit der goldenen Nadel.

Es gibt doch fast nichts Besseres als eine gelungene Mischung aus informativem Content und dazugehörige Fotos, die durch ihre Einzigartigkeit fesseln. Das FALKE footprints eMagazine präsentiert genau das: einen spannenden kulturellen Mix aus interessanten Menschen und versteckten Orten. Weil ich genau davon ein risiger Fan bin, habe ich mir gleich mal die zweite Ausgabe zu Gemüte geführt und war wie gefesselt von dem Interview mit Künstlerin Saira Hunjan. Die „reisende Göttin“ spricht hier über Kreativität, Liebe und das Leben.

Saira Hunjan schwelgt in ihrer derzeitigen Arbeit, Bleistift auf Papier: „Der Bleistift ermöglicht mir, so detailliert zu zeichnen, wie ich es mir wünsche.“ Ihre Leidenschaft gilt besonders dem Dekorativen: „Ich kann an nichts vorbeigehen, das handgemacht ist. Ich muss dann sagen: Okay, dich werde ich wohl mit nach Hause nehmen!“ Und genau dieses Wunder des Augenblicks, dieses Gefühl der Verbundenheit will sie auch mit ihrer Arbeit wecken. Sie ist sehr stark von Indien beeinflusst. Erst kürzlich ist sie aus Kalkutta zurückgekommen. Dort besuchte sie Kunsthandwerker in Kumartuli, im Norden der Stadt, die Gottheiten aus Ton herstellen: „Ich fuhr dorthin, um ihnen bei der Arbeit zuzusehen und etwas zu lernen.“

In ihren aktuellen Arbeiten beschäftigt sie sich mit Themen wie Göttinnen, Tod oder Schönheit: „Als ich noch sehr jung war, gab es in meiner Familie viele Todesfälle. In der indischen Kultur ist es Brauch, dass der Leichnam nach Hause gebracht wird, sodass man ihm quasi ins Gesicht sieht.“ Saira hat sich mit den Ritualen des mexikanischen Totenfests Día de los Muertos beschäftigt. Die Art und Weise, wie in Mexiko der Vorfahren gedacht wird, hat sie tief beeindruckt: „Es werden Opfergaben mitgebracht, es wird gesungen und getanzt.“ Diese Erfahrung hat sie auch in ihre Arbeit eingebracht: „Ich wollte versuchen, den Tod schön aussehen zu lassen.“ Die starke weibliche Energie, die in ihre Arbeit einfließt, zeigt sich auch in der Vielzahl an Göttinnen, die ihre Zeichnungen bevölkern.

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In London wird Saira von der Galerie Pertwee, Anderson & Gold in Soho vertreten. Der Kontakt kam über einen Freund zustande, der regelmäßig Arbeiten dortiger Künstler erwirbt: „Die Leute, mit denen man dort zusammenarbeitet, sind beeindruckend und der Raum ist wunderschön.“ Im September öffnet ihre erste Einzelausstellung in der Galerie ihre Pforten: „Es geht um Göttinnen – die Sammlung umfasst Bildhauerei und detailreiche Bleistiftzeichnungen.“ In der Galerie sind zwei neuere Arbeiten ausgestellt. Deer Devi, Bleistift auf Papier, zeigt eine Hirschgöttin: „In diesem Bild steckt so viel Symbolik. Es steht für einen wichtigen Übergang in meinem Leben – von da, wo ich früher war, dorthin, wo ich heute stehe.“ I Heart You ist eine hypnotisierende Zeichnung von Schlangen, die sich zu einem anatomischen Herzen winden: „Das Herz steht für Liebe, und die Schlangen sind die Wächter des Herzens. Sie schützen vor dem Negativen und vor Herzschmerz – das ist etwas, was viele Menschen anspricht. Uns allen ist schon einmal das Herz gebrochen worden, nicht wahr?“ Die Schlangen sind mit Augen verziert, die für das „Dritte Auge“ und die Fähigkeit stehen, über die materielle Welt hinaussehen zu können: „In Indien wird die Schlange sehr verehrt, sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus. In Nepal gab es einfach überall Schlangendarstellungen.“

Ich kapsle mich nicht von der Welt ab. Ich kanalisiere vielmehr eine andere Art von Energie und mache, was ich machen muss.

Saira stieg als Tätowiererin in die professionelle Kunstwelt ein. Sie ist bekannt als „Das Mädchen mit der goldenen Nadel“ – ein Beiname, der sie wie eine mythische Figur aus einem alten Märchen erscheinen lässt. Die Arbeit auf Papier ist eine Offenbarung: „Auf Papier gibt es für mich keine Grenze. Ich kann immer feiner und noch feiner werden.“ Die Möglichkeit, so detailliert arbeiten zu können, gab Saira den Anstoß, den Schritt vom Tätowieren weg zu wagen: „Im Moment habe ich das Gefühl, beim Tätowieren nicht genau das ausdrücken zu können, was ich will.“

Ihre künstlerische Ausbildung begann Saira mit einem Grundstudium am Central Saint Martins College of Art and Design in London. Sie legte den Schwerpunkt auf bildende Kunst/Malerei und wechselte auf das Camberwell College of Arts. Neben dem Kunststudium absolvierte sie eine Lehre als Tätowiererin. Sie tauchte so tief darin ein, dass ihr Studium in immer weitere Ferne rückte. Doch am Ende kehrte sie nach Camberwell zurück und machte ihren Abschluss – eine Entscheidung, die sie nicht bereut. Nicht zuletzt, da ihr das Studium die Möglichkeit bot, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln, was wiederum auch ihre Tätigkeit als Tätowiererin bereichert hat.

Letztes Jahr konnte sich Saira einen Traum erfüllen: Sie reiste nach Gujarat, um die dort lebenden Nomaden, die Rabari, und ihren einzigartigen Tätowierstil zu fotografieren. Sie zog von Dorf zu Dorf: „Ich habe versprochen, zurückzukehren und auch einige der Leute dort zu tätowieren.“ Doch die Kultur ist im Wandel: „Viele der Töchter wollen keine Tätowierungen mehr. Sie wollen nicht wie ihre Mütter, sondern westlicher aussehen.“ Deshalb wollte sie die Kultur der Rabari in Gujarat dokumentieren, bevor sie sich völlig verändert hat.

Saira kauft seit Jahren Kleider und Schmuck von den in Indien lebenden Nomaden. Die Waren direkt von den Herstellern zu kaufen gibt ihr das Gefühl, mit Herz und Seele der Produkte verbunden zu sein. Saira fühlt sich selbst nicht besonders sesshaft – ihre Schwester gab ihr den Spitznamen „Gypsy Devi“, was „reisende Göttin“ bedeutet. Die Rabari bedeuten ihr auch aus anderen Gründen sehr viel: „Als ich noch jünger war, sah ich einmal ein Foto von einer Rabari aus Rajasthan. Ich betrachtete sie und wünschte mir, als Erwachsene genauso auszusehen wie sie.“ Sairas komplexe Tätowierung am Hals ist von der Technik der Rabari inspiriert, bei denen die Symbole gepunktet werden: „Daher kommt mein Halstattoo. Hals und Nacken der Frau waren vollständig tätowiert.“
Auch Modedesigner Jean Paul Gaultier hatte Einfluss auf Sairas frühen Wunsch, Tätowiererin zu werden: „Als er seine Tattoo-inspirierte Kleidung vorstellte, zeigten sich zahlreiche Bezüge zu indischen Gottheiten. Jede neue Show von ihm ist immer sehr stark von etwas Indischem beeinflusst.“ Sie würde ihn sehr gerne kennenlernen und mit ihm zusammenarbeiten.
Vor Kurzem arbeitete Saira mit der Londoner Lederwarenfabrik Ettinger zusammen. Sie entwarf zwei Designs: fein gearbeitete, abstrakte Bilder von einem Fuchs und einem Fasan, die jetzt eine Reihe an Accessoires zieren. „Das Ettinger-Team hat einen geschulten Blick für Qualität und fürs Detail. In jedem Einzelstück steckt sehr viel Können. Ich war erstaunt, wie sie die kleinsten Details erfassen und auf ihre Produkte übertragen konnten.“

Saira scheint das Beste aus beiden Welten in sich zu vereinen. Sie lebt in einer recht ländlichen Gegend in Wales, nur zwanzig Minuten vom Strand entfernt. In London besucht sie ihre Familie und Freunde, außerdem findet sie dort ihre Lieblingsspeisen. Sie ernährt sich bewusst vegan und glutenfrei: „Ich bin ständig auf der Suche nach wirklich guten Naturkostläden.“ Sairas Lieblingsrestaurants sind das Manna in Primrose Hill und das Vanilla Black in der City. Dann geht es wieder zurück in ihr Idyll. Sie braucht Ruhe zum Arbeiten: „Ich kapsle mich nicht von der Welt ab. Ich kanalisiere vielmehr eine andere Art von Energie und mache, was ich machen muss.“

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Die Redaktion Make Yourself Move ist ein Onlinemagazin für Yoga, Meditation, Inspiration, Reisen und all die schönen Dinge im Leben, die uns wieder näher zu uns selbst bringen. Seit 2011 berichten wir über Yoga in allen Varianten, Spiritualität, Astrologie und Ernährung. Ein bunter Mix aus Interviews, Reportagen und Erlebnisberichten, die sich bodenständig, weltoffen und voller Leichtigkeit lesen lassen und auch gerne mal in der Tiefe berühren.

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