/ DIARY /

Stufen.

Ich wage zu behaupten, dass wohl so ziemlich jeder, der bereits mehr als zwei bis drei Klassen in einem Yogastudio hinter sich gebracht hat, schon mal über sie gestolpert ist – über diese yogische Lebensweisheit der “non-attachments”. Eine Lehre, die besagt, dass man sein Glück, sein Seelenheil nicht von äußeren Bedingungen abhängig machen soll, sondern auch dann glücklich ist, wenn alles andere wegbricht und man mit sich alleine dasteht. Das soll nicht bedeuten, dass uns Orte, Menschen, Tätigkeiten oder gar Schokolade nicht wichtig sein dürfen und wir emotionslos durchs Leben wandeln sollen. Es soll uns viel mehr dabei helfen, jeden einzelnen Moment zu genießen, ohne, dass wir unser Seelenheil von externen Faktoren abhängig machen und in ein tiefes Loch fallen, wenn sich Umstände ändern. Im Buddhismus wird unser Hang, an etwas festzuhalten, als Quelle allen Übels – wie Depression, Trauer, Eifersucht, Angst, Selbstzweifel – bezeichnet. Und auch Hermann Hesse hat sich – so scheint es fast – in seinem Gedicht “Stufen” davon inspirieren lassen:

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Schon lange nenne ich “Stufen” mein Lieblingsgedicht, doch selten hat es so sehr zu mir gesprochen, wie auf meiner Reise. Und wenn mich meine Reiserei eines lehrt, dann diese verdammte non-attachment Nummer. Egal wohin es mich bisher verschlagen hat, überall habe ich wundervolle Menschen und Orte gesehen und kennengelernt. Und überall hat es mich Kraft gekostet, diese Menschen und Orte zumindest örtlich wieder zu verlassen. Auch mit dem Wissen, dass man wahre Freunde gefunden hat und in Kontakt bleiben würde, so ist es doch immer wieder hart, „Goodbye“ zu sagen. Ich kann also mit gutem Gewissen sagen, dass ich bisher wirklich schlecht darin war, mir auch dann die Sonne aus dem Hintern scheinen zu lassen, wenn ich mich von Orten und seinen Menschen verabschieden musste, die mir in den vergangenen Wochen mächtig ans Herz gewachsen waren. Und dann frage ich mich ja immer, ob wir nicht einfach genetisch dazu gemacht sind, uns seelisch irgendwo dran zu hängen. Wir sind doch auch als Neandertaler in Rudeln durch die Gegend gesprungen, oder nicht? Wenn ich mir dann allerdings die paar Zeilen von Hermann Hesse so durchlese, muss ich ihm doch leider Recht geben:

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise.
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen

Und so ist es nun auch hier in Nepal. Eine ganz großartige Zeit neigt sich so langsam dem Ende. Yoga Students, die jeden Tag unsere Klassen besuchten, an die wir uns so gewöhnt haben, sagen nach und nach Tschöö. Freunde, die wir hier in Pokhara gefunden haben, treten nach und nach ihren Weg nach Hause oder in einen neuen Abschnitt ihrer Reise an und auch wir – Miluse und ich – können schon die Tage zählen, bis wir das Yogastudio schließen und jeder für sich wieder eine neue Etappe angeht. Dennoch, Herrmann Hesse hat Recht, zu viel Heimatgefühl macht träge – zumindest wenn man durch die Gegend reist, wie ich es tue. Denn heimisch bedeutet auch das Wandeln auf geliebten, immer gleichen Wegen und das Entwickeln von Routinen – die einem Sicherheit und fast schon das Gefühl von “zu Hause” geben, uns aber auch einschläfern. Kein Bedarf mit offenen Augen und wachem Geist durch die Straßen zu gehen, um sich zurecht zu finden. Kein “Need”, neue Wege zu gehen, denn die alten machen sich doch ganz gut. UND, kein Bedarf sich selbst auf die Probe zu stellen, Neues über sich selbst zu lernen und unbekannte Seiten von sich selbst zu entdecken. Nach 2,5 Monaten Nepal ist es also tatsächlich wieder an der Zeit, weiter zu ziehen…

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.

Also bereite ich mich so langsam darauf vor, mein Gesicht wieder in den Wind zu halten und mich für die Spannung und den Zauber, den neue Reisabschnitte in sich tragen, zu öffnen. Mit aller Kraft übe ich mich in “Non-attachments” und begebe mich bald „in Tapferkeit und ohne Trauern“ ins Unbekannte. Zunächst nach Kathmandu, wo ich mein Visa organisieren muss und dann in den Süden Indiens. Wenn ich auch noch nicht genau weiß, wo es mich im Dezember hin verschlägt, so steht zumindest fest, dass ich im Januar und Februar für Soul und Yoga im 200 Stunden Vinyasa Flow Yoga Teachertraining in Goa unterrichten werde. Neue Umgebung, neue Gesichter und eine neue Herausforderung, auf die ich mich mit Kribbeln im Bauch freue wie ein kleines Kind. Die mich aber auch wieder dazu veranlassen wird, mich zu challengen, aus meiner Komfortzone heraustreten und neue Seiten an mir zu entdecken – in der Arbeit mit anderen Menschen und mit mir selbst. Step by Step, Stufe für Stufe führt mich meine Reise also weiter, macht mich frei und hilft mir zu fliegen. Denn was ich so langsam beginne zu verstehen ist: Non-attachment heißt nicht, dass man loslässt um zu verlieren, sondern vielmehr um zu gewinnen, was sein soll:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Steffi Sarges

PR Beraterin & Yogalehrerin Ihr Lebensmotto “Don´t forget to play” kam bei all der Arbeit in den letzten Jahren etwas zu kurz. Darum hat sich Stefanie für 2014 dazu entschieden, wieder mit dem "Spielen" zu beginnen, tief durchzuatmen und das Jahr ihrer größten Leidenschaft zu widmen - dem Yoga. Während ihrer Reise durch Indien wird sie eine zweite Ausbildung machen, um sich danach vom roten Yogafaden leiten zu lassen - durch das Land und zu sich selbst. Von ihren Erfahrungen wird sie hier regelmäßig berichten.

F: Stefanie.Sarges W: instagram.com/stevexs

2 Kommentare auf “Stufen.
  1. Daniela sagt:

    wie sehr deine Worte MICH erreichen
    sind es doch beWEGte Zeiten, die mit uns sind
    und dort und da gilt es Wege zu wählen
    Entscheidungen zu treffen, Abschied zu nehmen
    und das Neue zu erkunden

    ✿◠‿◠) ………………… ♥

    ich danke dir für den Text,
    er führt mich in meine Tiefe

    mit Herzensgrüßen aus den Bergen Tirols
    Daniela

  2. Stefanie sagt:

    Liebe Daniela, was könnte ich mir mehr von meinen Texten wünschen? Vielen Dank!! Dir alles Gute, ein offenes Herz und freien Geist für alle anstehenden Entscheidungen und neuen Wege!

    Alles Liebe
    Stefanie

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